Charaktere dürfen ihre Welt verklären. Spieler nicht.

Spieler nicht.

Jeder Rollenspieler weiß es: Es gibt ganz klare Unterschiede zwischen sich selbst und der dargestellten Rolle. Dieser Unterschied besteht aber nicht nur darin, dass der Charakter ein Vampir oder, im Fantasy LARP, ein Ritter, ein Halbdrache oder ein Feldscherer ist. Dieser Unterschied beinhaltet auch, dass die dargestellten Charaktere und die Spieler unterschiedliches Wissen und unterschiedliche Ansichten über die jeweilige Spielwelt haben. Das Kunststück ist der Spagat zwischen den Ansichten des dargestellten Charakters und dem eigenen Wissen.

Ich lasse mich nicht pervertieren!

Ein Kainit ist eine grausame, perverse Bestie. Punkt.
Noch sehr menschliche Vampire sind Schläfer. Aber auch in ihren wohnt die Bestie und versucht, die Oberhand zu gewinnen. Es gibt keine Ausnahme davon. Es gibt keine tragisch-romantischen Vampire, die ihre Bestie immer im Zaum halten, sich dauerhaft als Vegetarier nur von Tierblut ernähren und keinem Menschen jemals ein Haar krümmen könnten. Ein Kainit kann vielleicht vom Verstand her sagen, dass er verzeihen kann und nachgiebig ist. Aber seine Bestie schreit nach Vergeltung und Rache.

Natürlich gibt es viele Kainiten, die sich an den Glauben klammern, dass sie nicht so schlecht und böse sind wie die anderen Monster, denen sie auf Domänentreffen begegnen. Einige sind sogar überzeugt, ausgeglichen und mit sich selbst und der Welt im Reinen zu sein.

Dem Darsteller muss(!) aber immer bewusst sein, dass sein Charakter keine Ausnahme ist. Auch in seinem Charakter gärt das unstillbare Verlangen nach Macht, Rache, Perversion und der Unterdrückung anderer. Ohne Ausnahme. Dein Charakter ist kein edles und tragisches Geschöpf der Nacht.

Und dies wird sich immer wieder zeigen, meistens genau in den unpassendsten Momenten. Auch ein freundlicher und nach menschlichen Maßstäben gerechter und gütiger Kainit kann nicht dauerhaft Situationen ausweichen, in denen seine Bestie übernimmt. Und sei es nur, dass er irgendwann zunehmende Härte und Ungerechtigkeit an den Tag legt. Wer sich für den ruhigsten und besonnensten Charakter Deutschlands hält, wird genauso wie jeder andere in solche Situationen geraten. Dann übernimmt die Bestie und man wird, wie jeder andere, öffentlich die Beherrschung verliert, seine Ideale über Bord werfen und Tod und Vernichtung schreien.

Ich werde nicht verlieren!

Kaum ein Kainit wird sich selbst als tragische Figur betrachten, die nur untergehen kann, egal was sie tut. Es wird nicht zwangsläufig jeder Kainit davon überzeugt sein, eines Nachts der mächtigste Vampir von allen zu sein, der endlich die Welt so gestalten kann, wie sie sein sollte. Aber eine große Mehrheit der Kainiten ist irgendwie überzeugt , dass sie es entweder immer schaffen werden, keinen dauerhaften Schaden zu nehmen und aufzusteigen.

Der Darsteller jedoch muss sich bewusst sein, dass auch sein Charakter unweigerlich untergehen wird. Er ist keine Ausnahme von der Regel, sondern wie jeder andere Charakter nur eine tragische Figur. Und diese wird von ihrem inneren Konflikt zermalmt.

Leichter gesagt als getan

Auch, wenn jeder Darsteller der Chronik weiß, dass ein Kainit nur untergehen kann, ist es doch etwas anderes, sich diesen Aspekt immer wieder bewusst zu machen. Nicht zwangsläufig direkt während des Spiels, aber zwischen den Spielen ist es hilfreich, den eigenen Charakter einmal von außen zu betrachten. Manchmal stolpert man dabei über die Frage, weshalb man sich eigentlich ein Hobby antut, in dem man einen Verlier spielt, aber beim Gedanken an die erlebten intensiven Spielmomente findet sich meist sehr schnell auch gleich die Antwort darauf 😉

Du, der Spieler, kannst nur gewinnen, wenn Du, Dein Charakter, verlierst.

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