Du gewinnst, wenn Du verlierst

Wer Vampire Live spielt, hat diesen Satz wahrscheinlich schon mehrmals von seiner Spielleitung gehört. Aber was bedeutet es, dass man nur verlieren kann? Dass man trotz aller Bemühung eh niemals die Ämter oder gesellschaftlichen Positionen erreicht, die man anstrebt?

Nein, die Aussage hinter diesen Worten ist komplexer. Dieser Satz bedeutet, dass jeder Charakter verlieren wird, vollkommen egal was er tut oder was geschieht. Aber genau dieser Kampf gegen das unausweichliche Ende ist Kernelement unseres Spiels.

Was genau bedeutet „verlieren“ im Vampire Live?

„Verlieren“ ist ein mehrdeutiges Wort, gerade im Vampire Live.

Zum einen kann man nicht gewinnen, da wir ein kontinuierliches Spiel spielen. Es ist nicht nach einem Wochenende zuende, sondern geht immer weiter. Es gibt also niemals ein endgültiges Ergebnis, das auf ewig so bleibt. Jeder Sieg, den ein Charakter erreichen kann, wird irgendwann wieder verloren gehen.

Ebenso falsch wäre es zu erwarten, dass man sich durch x Jahre Spielzeit das Recht verdient hat, den Endgegner Prinz zu besiegen und zu gewinnen. Deshalb heißt „verlieren“ auch nicht, dass Du künstlich daran gehindert wirst, aufzusteigen.

„Verlieren“ bezieht sich darauf, dass der Charakter, den man darstellt, nur untergehen kann. Es ist egal, ob er der genialste Stratege der Camarilla ist und jeden politischen Winkelzug beherrscht, ob er der gesellschaftlich bedeutendste Charakter Deutschlands ist oder ob er blindlings in die erstbeste Falle eines Gegners tappt.

Jeder Kainit verliert gegen sich selbst

Jeder Kainit steht von seiner Erschaffung an vor dem gleichen Problem: der innere Konflikt zerreißt ihn. Die Bestie in ihm will die Kontrolle übernehmen. Nur, weil er sich an seine menschlichen Werte klammert, kann er sie in Schach halten.

Doch dies funktioniert nicht ewig. Jeder Kainit gerät immer wieder in Situationen, in denen einfach jede Entscheidung falsch ist. Er kann weiter seinem Verhaltenskodex, seiner Moral, seiner Menschlichkeit folgen und damit die Bestie im Zaum halten. Allerdings überholen ihn dann rücksichtslosere Kainiten, die weniger Hemmungen haben als er. Wahrscheinlich benutzen sie ihn dabei auch noch für ihre eigenen Zwecke.

Oder aber er gibt der Verführung der Bestie nach, seine Menschlichkeit für einen Augenblick zu ignorieren und ebenso rücksichtlos wie viele andere Kainiten vorzugehen. Wenn er sich geschickt anstellt wird er damit gesellschaftlich oder politisch Erfolg haben und vielleicht eines seiner Ziele erreichen. Aber was bleibt einem, wenn man das, was einen ausmacht, verraten hat? Dann übernimmt immer mehr die Bestie das Steuer.

Wie genau der innere Konflikt aussieht, ist bei jedem Kainiten anders. Das Dilemma bleibt aber das gleiche. Das heißt, dass selbst die ältesten Ahnen, die Dir im Spiel begegnen, diesem Problem nicht davon laufen können. Auch sie werden unweigerlich verlieren. Das heißt auch, dass selbst ein Kainit, der in all seinen gesellschaftlichen und politischen Intrigen niemals einen Fehler macht, niemals angegriffen wird und mit all ihren Plänen Erfolg hat, verlieren wird.

Der Untergang ist unausweichlich

Dies ist der Kern der kainitischen Existenz: der sichere Untergang.

Weshalb tun sich dann viele Spieler dieses Spiel an? Um den Konflikt zu erleben, den ein Charakter durchmacht, und den Kampf des Charakters gegen den Untergang zu führen. Das Ziel des Spiels ist es, einen Abschnitt aus der Existenz eines Charakters zu erleben, nicht das Spiel Vampire Live zu gewinnen.

Es gibt natürlich viele Charaktere, die sich diesem Konflikt verweigern wollen oder nicht glauben, dass auch sie eines Nachts untergehen. Wichtig ist, dass jeder Spieler sich bewusst ist, dass sein Charakter nicht gewinnen kann. Wer sich dieser Ebene des Spiels verweigert, wird niemals wirklich intensives Vampire Live erleben können. Oder anders formuliert: „Du (der Spieler) gewinnst das Spiel Vampire Live nur, wenn Du (Dein Charakter) verlierst.“

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