„Ich fühle was, was Du nicht siehst!“ – Emotionen im Vampire Live

Im Vampire Live geht es um Emotionen, positive wie (insbesondere) negative. Das Verlieren des Kampfes, der bis zum Ende der Existenz andauert, wird von dem Darsteller intensiv miterlebt und mitempfunden.
Wenn wir selbst uns darauf einlassen, auch den Niedergang unseres Charakters zu spielen, erwarten wir natürlich von allen Mitspielern die Fairness, ebenfalls zu verlieren. Klar, niemand möchte der einzige sein, der auch mal verliert, wenn das Gefühl bleibt, dass andere Darsteller immer nur gewinnen (wollen). Aber nur, weil wir einen Niedergang nicht selbst bezeugen können, heißt das nicht zwangsläufig, dass er nicht dennoch stattfindet.

Du fühlst immer nur Deinen eigenen Charakter

Eigentlich eine logische Aussage, aber wir machen uns (manchmal auch im realen Leben) viel zu selten bewusst, dass wir immer nur unsere eigene Wahrnehmung unserer Umwelt haben und absolut niemand jemals eine absolute Wahrheit besitzt. Ohne in philosophische, spirituelle oder metaphysische Betrachtungen abzugleiten, halten wir einfach nur diese Tatsache fest: Selbst, wenn zwei Menschen direkt nebeneinander stehen und ein Ereignis beobachten, werden sie niemals identisch darüber empfinden.
Deshalb kann auch niemand definieren, ob ein Darsteller etwas „richtig“ oder „falsch“ empfindet. Mit Sicherheit kann man nur sagen, dass er etwas anders wahrnimmt als man selbst. Natürlich gibt es einen Rahmen, in dem sich alle Darsteller unserer Chronik in ihrem Verständnis eines Vampirs bewegen sollten, aber innerhalb dieses Rahmens gibt es eine unendliche Bandbreite verschiedener Wahrnehmungen von ein und derselben Sache. So kann ein anderer Darsteller z.B. etwas absolut gegenteilig zu unserer eigenen Wahrnehmung empfinden und dennoch „richtig“ liegen.

Muss man Emotionen bei anderen sehen können?

Grundlegend eine einfache Frage, aber nicht ganz so schnell zu beantworten. Gefühle sind erst einmal etwas, dass im Inneren einer Person passiert. Außenstehende können dies nicht wirklich sehen.
Die Auswirkungen empfundener Emotionen – ein Lächeln oder Grinsen, eine gerunzelte Stirn, hängende Mundwinkel, ein Naserümpfen, ein schleppender oder ein beschwingter Gang – sind für die Umwelt allerdings mehr oder weniger deutlich erkennbar.

Und an dieser Stelle wird es nun schwierig: Auf der einen Seite zeigt nicht jeder gleich deutlich, ob und wie stark er etwas empfindet, und nicht jeder ist gleich erfahren darin, die Körpersprache anderer zu lesen. Die Spannbreite der Möglichkeiten reicht hier von der Kombination eines Charakters, dem kaum etwas anzusehen ist und einem Beobachter, der nicht sehr gut darin ist Körpersprache zu interpretieren, bis hin zu einem Charakter, der für alle wahrnehmbar zeigt, was in ihm vorgeht, und einem brillanten Beobachter, der jede Regung beobachtet und daraus seine Schlüsse zieht (die natürlich wieder nur auf seiner eigenen Wahrnehmung und keiner objektiven Wahrheit beruhen).

Ob ein anderer Charakter also etwas wie z.B. eine Niederlage empfindet, nehmen wir mit Pech überhaupt nicht wahr, selbst wenn er uns direkt gegenüber sitzt. Davon ab zeigen die meisten Kainiten auch nicht wirklich gerne, wenn sie von etwas getroffen, also angreifbar, sind. Sie werden dies eher im privaten Rahmen als auf der großen Bühne deutlich machen (außer, sie sind so angegriffen, dass sie sich nicht mehr zurückhalten können).

Still verlieren, laut verlieren – Hauptsache verlieren!

Niemand hat einen Anspruch darauf, dass andere Darsteller auf eine bestimmte Weise auf die Taten unseres Charakters reagieren. Ab einer gewissen Menge Druck sollte natürlich irgendeine Reaktion stattfinden, aber wie die ausfällt liegt nicht an uns. Die Bandbreite der Möglichkeiten ist auf jeden Fall groß.

Natürlich lebt das Vampire Live auch davon, dass große Emotionen an einem gewissen Punkt aus jedem (wirklich jedem!) Kainiten herausplatzen. Gerade dies macht einen großen Reiz aus: Die meisten Kainiten versuchen, nicht angreifbar und schwach zu wirken, und können gleichzeitig nicht verhindern, dass sie eben doch immer wieder emotionale Ausbrüche haben. Charaktere, die jederzeit kontrolliert sind und niemals die Fassung verlieren, sind für die Mitspieler schnell langweilig.

Hier ist jeder Darsteller gefragt, die richtige Balance zu finden: Auf der einen Seite soll natürlich kein Charakter so verbogen werden, dass er öffentlich eine große Show aus seinem emotionalen Niedergang abzieht, wenn dies nicht zu ihm passt. Auf der anderen Seite ist es auch nicht ganz das Ziel des Spiels, diesen Niedergang nur rein innerlich zu empfinden und äußerlich stets kontrolliert und ungerührt zu sein. Es entsteht für alle Teilnehmer deutlich mehr Spiel, wenn andere Charaktere auch in den Niedergang eines Charakters einbezogen werden.

Wenn Du merkst, dass Dir auch über einen längeren Zeitraum hinweg solche Momente fehlen, ist es ein guter Ansatz den eigenen Charakter noch einmal unter die Lupe zu nehmen.

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