Inquisition

Die Strahlen der Sonne waren über dem Horizont verschwunden. Langsam wich die bleierne Müdigkeit, die sie umschlossen hatte. Ein unruhiger Schlaf, mit entsetzlichen Träumen. Sie hatte geträumt…wo war sie? Mit Anstrengung öffnete sie ihre Augen. Vollkommene Dunkelheit. Dies war nicht ihre Zuflucht. Eine plötzliche Panik packte sie, zusammen mit einem Gefühl, etwas wiederzuerkennen, was sie sich jedoch nicht erklären konnte. Plötzlich fügten sich in ihrem Geist die Teile des Puzzles zusammen und sie erstarrte vor Schreck. Jetzt konnte sie sich wieder erinnern, jetzt sah sie, daß die Träume keine gewesen waren. Diese dunklen Gestalten – sie waren wirklich in ihrer Zuflucht gewesen. Es waren Sterbliche, das hatte sie gespürt. Sie hatten ihren Sarg geöffnet. Es war Tag gewesen. Sie war für einige Sekunden nur wach geworden. Sobald sie ihre Augen geöffnet hatte, hatte man eine Decke über sie gebreitet und sie hochgehoben. Sie hatte keine Kraft gehabt, sich zu wehren. Ihre Entführer sprachen nicht ein Wort, doch in ihren Gedanken herrschte Chaos. Was passiert mit mir? Wer sind sie? Was haben sie mit mir vor? Woher kennen sie meine Zuflucht? Ein Gedanke grausamen Ausmaßes durchzuckte sie: ihr Sire ruhte in der gleichen Zuflucht. Was hatten sie mit ihm getan? Wieder schlief sie ein, so sehr sie sich auch dagegen wehrte. Ein Wagen. Sie hörte die Geräusche der Straße, wenn auch gedämpft. Immer noch war sie in die Decke gewickelt. Sie versuchte, sich freizukämpfen, war sich jedoch nicht einmal sicher, ob sich ihre Glieder überhaupt bewegten. Immer noch Panik, Hilflosigkeit, die brennende Frage nach dem Warum. Wieder zog der Schlaf sie in seine Arme.

Jetzt lehnte sie an einer gepolsterten Wand – war dies eine Gummizelle? Unpassend dazu waren die Handschellen, mit der ihre Hände an die Wand gefesselt waren. Sie zerrte daran – nutzlos. Ihre Kräfte reichten bei weitem nicht aus, um diesen kalten, unnachgiebigen Stahl zu sprengen. Ihre Gedanken drehten sich im Kreis. Immer noch konnte sie sich nicht erklären, was hier vorging, und vor allem, aus welchem Grund sie noch immer am Leben war.

Leise Schritte. Das Rasseln eines Schlüsselbundes vor der Tür. Ihr Körper spannte sich an. Ganz gleich, was sie mit ihr tun würden, sie würde sich nicht brechen lassen.

Grelles Licht floß in den Raum. Heller als tausend Sonnen und kälter als die kärgste Eiswüste. Wie ein Blitz fuhr es in ihre Augen, schien ihr förmlich den Schädel zu verbrennen. Dann, als sich vor ihren Augen wieder ein Bild formte, sah sie eine Gestalt inmitten des Lichtes, das durch die geöffnete Tür schien, stehen. Sie sah nur seine groben Umrisse, weder sein Gesicht noch seine Augen.
Er nannte ihren Namen.

Keine Frage. Eine Feststellung. Sie kannten sie, sie wußten, wer sie war. Sie wußten, was sie war. Sie antwortete nicht.
„Sie werden sich sicher fragen, weswegen Sie hier sind.“ Die Stimme des Mannes klang sachlich, kalt, gleichgültig.
„Sagen wir es so, Ihre Gesellschaft hat etwas, was wir haben wollen. Wenn Sie und Ihre Gefährten sich kooperativ zeigen, wird Ihnen nichts geschehen – vielleicht.“

Sie bemühte sich angestrengt, keine Regung zu zeigen.

„Was wollen Sie?“

„Erzählen Sie mir etwas über die Camarilla.“

Inquisition. Sie hatte davon gehört, daß es nach wie vor Sterbliche gab, die die Kainskinder jagten. Augenscheinlich war sie in deren Gewalt geraten. Heilige Maria, steh‘ mir bei…

„Ich weiß nicht, wovon Sie reden.“

„Wollen Sie damit sagen, daß Sie für uns nutzlos sind?“

Die Drohung in der immer kälter werdenden Stimme war deutlich und traf sie bis ins Mark. Verzweifelt versuchte sie, ihre ausdruckslose Miene beizubehalten.

„Wer sind Sie?“

„Nun, wir sind eine Art Sondereinsatzkommando. Bedauerlicherweise ist einer unserer Männer von einer Begegnung mit Ihresgleichen im vergangenen September nicht zurückgekehrt.“

Die beiden Polizisten…sie erinnerte sich an dieses Treffen. Urplötzlich waren zwei Sterbliche in den Raum gestürmt, weil sie angeblich nach Drogen suchten. Sie wurden schnell mittels kanitischer Fähigkeiten aus dem Raum gelotst, von verschiedenen Kainiten mitgenommen und sehr bald getötet – zumindest hatte sie das angenommen. Der Mann beschrieb ihr einen der beiden Männer.

„Ich weiß nichts über diesen Mann.“

„Haben Sie ihn zu einem von Ihnen gemacht?“

„Ich weiß es nicht.“

Die Stimme hielt einen Moment inne. Dann klang sie etwas verständiger.

„Vielleicht gibt es eine Möglichkeit, sich zu einigen. Wir wollen nur unseren Mann zurück, dann werden wir Sie in Ruhe lassen. Sagen Sie uns doch einfach, wo Sie sich regelmäßig treffen, dann können wir selbst mit den jeweiligen Personen verhandeln.“

Die Falle war zu offensichtlich. Für eine solche Information würde ihr Prinz sie wegen Bruches der Maskerade hinrichten. Auch wenn diese Sterblichen offensichtlich bereits über die Kainiten Bescheid wußten, so würde sie lieber tausend Tode von ihren Händen erdulden, als die Camarilla zu verraten. Sie würde ihrer Domäne nicht die Inquisition ins Haus holen.

„Das werde ich nicht tun.“

Ihre Weigerung setzte das Rad in Gange. Es folgten endlose Stunden des Verhörs. Sie weigerte sich beharrlich, auch nur das kleinste bißchen an Informationen herauszugeben. Zu tief waren die Grundsätze der Camarilla in ihr Wesen eingebrannt. In der folgenden Nacht wiederholte sich die Szene. Sie war selbst überrascht über ihr Standvermögen. Auch wenn ihre Entführer ihr nicht direkt drohten, waren ihre unterschwelligen Botschaften mehr als deutlich. Schließlich hatte sie nahezu mit ihrer Existenz abgeschlossen, war überzeugt, daß man sie niemals wieder würde gehen lassen. Doch sie sagte ihnen nichts, mochten sie mit ihr machen, was sie wollten. Auch vom aufkommenden Hunger ließ sie sich nicht erweichen. Doch ihre harte Fassade fiel von ihr ab, sobald die Männer die Tür hinter sich schlossen. Sie war vor Angst wie von Sinnen und so erschöpft, daß sie am liebsten bis in alle Ewigkeiten schlafen würde und nichts mehr von diesem Terror erdulden müsse.

Es geschah nach Einbruch der dritten Nacht. Die Tür öffnete sich erneut, doch diesmal waren es zwei Gestalten, und diesmal durchschritten sie die Tür und kamen auf sie zu. Und diesem Moment forderte die Stunden voller Anspannung, Angst und Ungewißheit ihren Tribut. Das Tier in ihr riß sich los. Mit ausgefahrenen Fängen fauchte sie die Gestalt, die zuerst bei ihr ankam, an. In Panik wich er zurück. Sie riß wie wild an ihren Fesseln, das Biest tobte und schrie. Es hatte den Schlag nicht kommen sehen. Er traf sie an der Stirn und schleuderte sie gegen die Wand. Blut floß in ihre Augen. Einen Moment war sie geblendet, dann verspürte sie einen starken Schmerz in der Brust, gefolgt von einem lähmenden Gefühl, daß in ihre Glieder kroch. Ein Pflock ragte aus ihrer Brust. Erneute Hilflosigkeit. Das Tier war abrupt verstummt. Jetzt war da nur noch Angst, da sie sicher war, daß ihr Ende nun nahen würde. Sie betete…

Man löste ihre Fesseln, hob sie hoch und trug sie aus der Zelle. Kreuz und quer durch schummerige Gänge, die vollkommen gleich aussahen und nirgendwo hin zu führen schienen. Ein metallenes Quietschen. Man legte sie ab. Schloß das metallene Verlies. War dies ein Tank? Es roch nach Öl. Innerlich tobte sie, wollte aufstehen und aus diesem eisernen Grab fliehen, doch sie hatte keine Gewalt über ihren Körper. So war sie verdammt, einfach nur dazuliegen und zu warten. Plötzlich erklang ein leises, gurgelndes Rauschen. Etwas schien sich zu nähern. Dann hörte sie Flüssigkeit, die auf den Boden des Tanks floß. Ein beißender Geruch verbreitete sich und ließ ihre Panik ins Unermeßliche steigen: Benzin. Gefangen in ihrem eigenen Körper wollte sie fliehen, weg, nur weg von diesem Ort. Sie saß in der Falle, durch ihre eigenen Glieder an diesen Ort gefesselt. Der Tank füllte sich, das Benzin floß über sie hinweg, drang in ihre Augen, in ihren Mund. Dann wieder Stille. Sie wartete auf den Funken. Nur ein Funke, und er würde mit Sicherheit kommen. Ein Funke, und sie würde ihre Existenz in einem flammenden Inferno beenden. Warten. Warten. Ihr Leben zog an ihr vorbei. Sie dachte an all die Dinge, die sie tun wollte und nun niemals würde tun können. Sie dachte an alle Fehler, die sie begangen hatte und nun niemals korrigieren könnte. Sie dachte an all die Zeit, die noch vor ihr gelegen hätte.

Sie wartete.

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