Kerker

Es ist dunkel, einsam sitze ich in meiner Zelle.
Wie lange? Ich weiß es nicht, mir scheint es eine Ewigkeit, doch kurz, kaum mehr als ein Wimpernschlag. Aber was bedeutet Zeit für ein unsterbliches Wesen, wann wird das Urteil vergessen werden, wann die ewige Strafe vergessen sein?

Das Gericht war hart, die Verhandlung kurz und schmerzhaft, das Urteil endgültig, unabänderlich und vernichtend.
In unserer Gesellschaft gibt es keine Revision. Anklage und Urteil, die Strafe ist hart und schmerzhaft, oder die endgültige Erlösung von unserem Leid.

Still ist es, und dunkel.
Stille und Dunkelheit kreisen mich ein, wie ich auf meiner Pritsche kauere und warte.
Warte? Worauf? Auf Erlösung? Auf den Tod?
Beides ist mir genommen worden, als ich in der Blüte meiner Jahre stand. Auserwählt wurde mir gesagt. Geschaffen und berufen zu Höherem als einer sterblichen Existenz. Eine Gabe, ein Geschenk wurde uns gemacht.

Was ist das für ein Geschenk, das uns dazu verdammt, keine Emotionen mehr zu empfinden, Blut zu trinken, vom Leben der Lebenden zu existieren. Das uns dazu verdammt, unsere Lieben zu verlieren im Lauf der Zeit, die eigenen Kinder altern und sterben zu sehen, deren Kinder, die eigenen Enkel, zu Grabe zu tragen, und deren Kinder und deren Kinder, bis in alle Ewigkeit, oder bis das Schicksal uns unsere letzte Bindung zur sterblichen Welt raubt.
Zu viele Tote, zu viele Gräber im Laufe der Jahrzehnte und Jahrhunderte. Wann wird das enden? Ich weiß es, es ist das Geschenk. Es wird niemals enden.

Ich möchte mich in der Dunkelheit verkriechen und die Stille genießen.
Doch sogar diese betrügen mich, die Dunkelheit läßt einen Lichtschein unter meiner Zellentür hindurch fallen, und die Stille wird durchbrochen von dem Geräusch der Wächter, die vor meiner Zelle vorbei laufen, dem Geräusch des Telefons, aus dem meine Peiniger neue Befehle erhalten und von dem Tropfen der Flüssigkeit auf den Boden meiner Zelle.

Jäh wird meine Suche nach Frieden, nach einer Erklärung unterbrochen, die Zellentür öffnet sich und meine Kerkermeisterin steht in der Tür. Sie trägt eine ihrer Uniformen, heute ist es einmal wieder die graue. Einen knöchellangen Rock, eine weiße Bluse und ein Blazer. Ihre ebenfalls ergrauten Haare sind zu einem gestrengen Dutt hochgesteckt.

Träume ich nur, daß sie dort steht, oder wartet tatsächlich die nächste Folter?
Macht es einen Unterschied? Meine Art träumt nicht, und wenn sie es doch tut, sind es Träume voller Gewalt, Schmerz und Blut. Wo ist da der Unterschied zur Realität? Ich habe den Unterschied schon lange nicht mehr gefunden.

Wie lange begleitet sie mich schon im meiner Gefangenschaft? Sie war nicht mehr jung, als ich damals zu ihr kam, sie sah aus wie vielleicht Ende vierzig, inzwischen sieht sie aus wie Mitte sechzig, aber wir beide wissen, daß es das Blut ist, welches ihr überhaupt noch gestattet zu leben. In diesem einen Punkt sind wir uns gar nicht so unähnlich. Es ist das Blut, daß unsere weitere Existenz ermöglicht. Das ihrer Art für mich, und das meiner Art für sie.
Ein Symbiose, wie ein Pilz und ein Baum, nur daß bei uns nur noch einer lebt, der andere, ich, lediglich existiere.
Sie spricht zu mir, es sind die bekannten Worte, und ich versuche mich tiefer in meine Pritsche zurückzuziehen. Ihr Stimme klingt besorgt. Wann habe ich das letzte Mal so empfunden? Ich kann mich nicht erinnern.

Sie kommt in den Raum, Ihre Schritte werden durch den Perserteppich auf dem Boden gedämpft. Sie schreitet um den alten, spätviktorianischen Schreibtisch mit den passenden Stühlen herum und schiebt die schweren Vorhänge vor dem Fenster zurück.
Von draußen scheint der Mond in meine Zelle, erhellt den Kamin, der schon vor Tagen heruntergebrannt ist.
Das Licht fällt auf die Scherben der kristallenen Karaffe und auf das Blut zwischen und auf ihnen. Am Fuße meines Ohrensessels hat sich eine große Lache Blut gebildet, und immer noch tropft das Blut aus meinem Handgelenk auf den Boden, den Schmerz hatte ich schon vergessen. Nichts empfunden, als ich mir die Scherbe in den Arm gerammt habe.

Sie spricht wieder zu mir, die Worte sind vertraut. Ich räuspere mich, bevor ich ihr antworte. Mein Hals ist trocken, und ich muß erst Luft in meine Lungen holen, bevor ich sprechen kann, geatmet habe ich schon lange nicht mehr.
„Es ist an der Zeit, nicht wahr?“ frage ich. Sie nickt. „Wohl an, dann wollen wir mal.“

Schwerfällig erhebe ich mich. Eine weitere Nacht erwartet mich, wie so viele die noch kommen werden.

Was unterscheidet meine Zelle von den anderen dort draußen? Ich weiß es nicht. Egal, wo ich auch hingehe, egal, wen ich treffe, egal, welches Jahrhundert wir schreiben, es bleibt sich gleich. Die Menschen, sie leben und sterben, ich existiere weiter und trinke ihr Blut. Mein Gefängnis begleitet mich, wohin ich auch gehe.

Was ist die Untersterblichkeit wert, ohne sie zu empfinden?

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