Nicht darstellbar = nicht vorhanden

Vampire Live ist immer auch ein bisschen Kopfkino. Solange wir keine echten Vampire sind, muss die Vorstellung die Darstellung unterstützen: Aus Saft und Wein wird Blut, aus dem geschminkten Gangrel eine echte Bestie und aus dem Anzug von der Stange die teurere Variante. Das ist in Ordnung und sollte keinen Rollenspieler vor große Hindernisse stellen.
 

Die verflixte Selbstwahrnehmung

Schwierig wird es, wenn das Kopfkino mit einem durchgeht und man sich vorstellt, wie der eigene Charakter sein müsste. Das funktioniert im Pen&Paper ohne weitere Probleme, ist im Vampire Live (oder sonst einem Live-Rollenspiel) aber nicht darstellbar. Es ist das bekannte Elfen-Dilemma: Wenn Du wie ein Profi-Wrestler gebaut bist, wird Dir niemand abnehmen, dass Du eine zarte Elfe darstellt.

Im Pen&Paper kannst Du alles darstellen, was Du auf Deinen Charakterbogen schreibst. Der besagte Wrestler kann also die Elfe spielen, und der sozial blinde Spieler ohne Verständnis für soziale Interaktion kann mit der richtigen Fertigkeitsverteilung ein soziales Chamäleon werden, das durch Empathie und Verständnis glänzt.
Im Live geht das – verständlicherweise – nicht. Da kannst Du zwar auch alles mögliche auf Deinen Charakterbogen schreiben, aber im Spiel bringt es Dir nichts, wenn es schlichtweg nicht darstellbar ist. Live-Rollenspiel ermöglicht es in fantastische Spielwelten einzutauchen, aber es ist zugleich auch eine Herausforderung an den Darsteller.
 

Du kannst, was Du darstellen kannst

Eigentlich selbstverständlich, aber doch oft ignoriert. Das Gemeine: Selbst, wenn Du in einer Gruppe spielst, die ein auf Ansagen basierendes Regelwerk nutzt, bist Du dennoch der DKWDDK-Regel unterworfen. Oder anders gesagt, denke an die Dinge, bei denen Dir Werte nicht helfen. Glaubst Du nicht? Ich beweise es Dir:

  • Du kannst offplay einfach nicht mit Highheels laufen, ohne wie eine neugeborene Giraffe auszusehen? Dann kann Dein Charakter es auch nicht.
  • Du kannst offplay beim Singen nicht einen Ton halten? Dann kann Dein Charakter es auch nicht.
  • Du kriegst bei der bloßen Vorstellung einen Vortrag zu halten Stresspusteln? Dann wirst Du so schnell keine bewegende Rede vor 80 versammelten Kainiten halten.
  • Du hast Dir im Off das Bein gebrochen und kannst nicht zu ein paar Sessions kommen, obwohl es für Deinen Charakter voll logisch wäre? Tja, Dein Charakter wird die Treffen trotzdem verpassen.
  • Du hast vollkommen verpennt, Dich für für ein Treffen anzumelden? Dann hat es auch Dein Charakter verpeilt.
  • Dein Charakter wurde von Machiavelli persönlich in Machtpolitik unterrichtet? Du kannst trotzdem nur so gut intrigieren, wie es Du kannst.

Kurz gesagt: Tu Dir selbst und Deinen Mitspielern den Gefallen und akzeptiere, wenn Du einmal nicht den Erwartungen entsprichst, die Du an Deinen Charakter hast. Das tut niemand. Wer etwas anderes behauptet lügt.
 

Darstellbar und vorstellbar

Verstehe mich nicht falsch: Es ist großartig, wenn Dein Charakter überzeugt ist etwas brilliant zu beherrschen, aber in der Umsetzung immer wieder scheitert. Das ist eine herrliche Macke, aus der sich unglaublich viel Spiel ziehen lässt. Der entscheidende Punkt ist, dass Dir als Spieler bewusst sein sollte, wo Deine Grenzen liegen. Egal, ob Du an ihnen arbeitest, oder ob Du sie akzeptierst und Dich anderen Aspekten des Spiels zuwendest: Wisse, was Du nicht (so gut) kannst und akzeptiere, dass Dein Charakter diese Dinge auch nicht (so gut) beherrscht, auch wenn er es in Deiner Vorstellung eigentlich können müsste. Es wird Dein Spiel nicht befreien, wenn Du Dich selbst damit frustrierst, ungenügend für die Darstellung Deines überlebensgroßen Charakters zu sein.

Und nicht zuletzt: Wer sagt, dass dein Charakter all das können muss, was Du für logisch hälst? Bloß, weil er sich viele Jahre mit den Gesetzen der Machtpolitik beschäftigt hat heißt das noch lange nicht, dass er deshalb ein guter Politiker wird. Bloß, weil er viele Kämpfe bestritten hat, muss er jetzt nicht der beste Fechter vor Ort sein. Vielleicht waren seine früheren Gegner nicht so gut, wie er sie sich schöngeredet hat, und seine Erfolge doch nicht ganz so groß wie in seiner Erinnerung? Jeder Kainit verklärt irgendwo seine Welt.

Um Dich von vielen Frustfaktoren zu befreien, gibt es einen einfachen Trick: Streiche den Satz „Mein Charakter müsste aber xyz können“ aus Deinem Wortschatz. Dein Charakter kann genau das, was Du auch kannst, und kein bisschen mehr. Und weißt Du, was das Großartige daran ist? Dass es jedem einzelnen anderen Darsteller genauso geht!

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