Nieder mit der Perfektion

Ein Kainit ist ein Jahrzehnte, wenn nicht Jahrhunderte altes Wesen, das jede Nacht seiner Existenz damit verbringt sich noch weiter in Perfektion zu üben, um mit dem nächsten finsteren Plan seinen Widersachern einen empfindlichen Schlag zu versetzen. Perfekt orchestriert wird der Kainit seine Intrige in die Tat umsetzen, indem er sorgsam die unwissenden Bauern auf seinem Schachbrett positioniert, an der richtigen Stelle das richtige Wort fallen lässt und dann aus sicherer Entfernung zusehen, wie die Falle zuschnappt. Ihn selbst wird nie die Schuld treffen, zu geschickt hat er seine Spuren verborgen.
 

Laaaaaangweilig!

Vermutlich bist Du beim Lesen ebenso sehr eingeschläfert worden wie ich beim Schreiben. Denn es gäbe nichts Langweiligeres im Vampire Live als perfekte Charaktere, die glatt wie ein polierter Spiegel in Perfektion durch die Nacht schreiten und die Fäden ihrer Intrigen zu einem undurchdringbaren Netz spinnen, ohne jemals als Täter entlarvt und angegangen zu werden oder gar in eine dumme Situation zu geraten.

Im Vampire Live geht es darum, dass jeder einzelne Kainit ein tragischer Charakter ist, der eben nicht voller Perfektion, sondern ein mit Fehlern behaftetes und im Inneren zerrissenes Wesen ist. Jeder Kainit, egal welchen Alters, macht regelmäßig große und kleine Fehler, seien es Versprecher in einem öffentlichen Auftritt, unkluge Bemerkungen oder politische Winkelzüge, die fehlschlagen. Mit zunehmender Erfahrung geschieht das seltener und mit persönlichem Charisma kann so etwas mehr oder weniger erfolgreich übergangen werden, aber passieren tut es trotzdem. Immer.

Das ist zum Teil auch den Darstellern geschuldet: Trotz aller Mühe sind und bleiben wir Menschen, die auf wenige Jahrzehnte menschliche Erfahrung zurückblicken und immer nur vermuten können, wie ein Vampir denn wohl so wäre.
 

Trau dich, auf Perfektion zu pfeifen!

Was kannst Du daraus für Dein Spiel ziehen? Ganz einfach: Trau Dich, Deinen Anspruch an Perfektion sausen zu lassen.

Jeder Darsteller hat ein Bild von seinem Charakter im Kopf, dem er nacheifert. In der eigenen Vorstellung wird der eigene Charakter schnell romantisiert und zu einem Ideal, das beinahe unmöglich zu erreichen ist. Um diesem Ideal zu entsprechen, muss jedes Wort wohlüberlegt und sorgfältig formuliert sein, denn etwas, das nicht klug klingt, wäre unpassend.

Wenn Du mit diesem Ansatz spielst, wirst Du Dich selbst um Deinen Spielspaß bringen. Wenn Du nur dann etwas sagen oder tun willst, wenn es genauso perfekt wie in Deinem Kopf abläuft, wirst Du feststellen, dass Du niemals etwas tust und Dich sehr bald nur noch im Abseits findest. Dein Charakter kann nicht perfekter sein als Du es als Darsteller bist – wenn Du den Knigge nicht auswendig kennst und beherrscht, tut Dein Charakter es auch nicht, selbst wenn er es theoretisch vielleicht können sollte. Um von Anfang an zu vermeiden, dass Du unzufrieden sein wirst, schreibe Deinen Charakter nicht perfekt sondern behalte immer auch im Hinterkopf, was Du tatsächlich darstellen kannst – Stichwort DKWDDK.

Dein Charakter muss (und soll!) nicht perfekt sein!
Dein Charakter soll echt und tiefgründig sein, mit all seinen Schwächen, Versprechern, dummen Ideen und Fehlplanungen. Dein Charakter darf gerne versuchen perfekt zu sein, solange Dir als Spieler stets bewusst ist, dass er damit nur scheitern kann.

Es ist nicht schlimm, wenn Du mal nicht perfekt reagierst
Jeder, auch der erfahrenste Darsteller, gerät mal in eine Situation, in der er vollkommen überfahren ist und nicht weiß, wie er reagieren soll. Und noch viel öfter gerät er in eine Situation, in der er zwar reagiert, aber eben nicht perfekt durchgeplant. Das ist nicht nur normal und menschlich (und der Darsteller ist ja an seine menschlichen Eigenschaften gebunden), sondern genau das, was wir wollen. Vampire Live ist ein emotionales Spiel, und Emotionen sind niemals perfekt.
Denke immer daran: Es ist immer besser nicht perfekt oder falsch zu reagieren, statt nichts zu tun und auf den richtigen Moment zu warten.
 

Aber alle anderen machen es doch viel besser!

Wir lassen uns alle schnell davon blenden, dass gerade die erfolgreichen Charaktere alles in Perfektion schaffen, was sie tun. Das kann Dein eigenes Spiel lähmen, sollte es aber nicht. Denn: Auch diese Charaktere machen genug Fehler, aber sie haben enorm viel Arbeit investiert, damit dies nicht auffällt. Entweder, indem sie einen Hofstaat von anderen Charakteren haben, die sie trotz allem unterstützen, indem sie genug bezahlen damit ihre Fehler nicht in der Öffentlichkeit breitgetreten werden oder indem sie alles daran legen möglichst überzeugend so aufzutreten, als wäre jede Ihrer Handlungen Perfektion und gewollt. Und all das kannst Du auch. Was dann hinter verschlossenen Türen passiert steht wieder auf einem anderen Blatt, aber es wird intensives Spiel sein ;

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