Schopenhauer am Samstag: Recht behalten, Teil 1

Kunstgriff 1: Die Erweiterung

Die Aussage des Gegenübers möglichst allgemein formulieren, damit diese mehr Angriffsfläche bietet.

Schopenhauer am Samstag

Schopenhauer ist alles andere als leichte Kost. Und seine eristische Dialektik ist da keine Ausnahme, sondern mit „Qual zu lesen“ ganz gut umschrieben. Aber die Mühe lohnt sich: Hinter diesem Textmonster verbergen sich 38 dreckige rhetorische Tricks, mit denen eine Diskussion auch dann gewonnen werden kann, wenn man selbst im Unrecht ist. Um Euch also diese Tortur zu ersparen, werden wir diese 38 Tipps in den nächsten 38 Wochen nach und nach vorstellen.

Wie funktioniert die Erweiterung?

Um diesen Kunstgriff zu nutzen verallgemeinerst Du eine Behauptung oder These, die Dein Gegenüber aufgestellt hat, möglichst weit. Dadurch bietet sie eine wesentlich größere Angriffsfläche und kann besser widerlegt werden. Ein Beispiel:

„Herr X sollte dafür bestraft werden, den Ancilla von Y derart angegangen zu sein.“ Das ist ziemlich eng gefasst, hat aber Potential erweitert zu werden. Möglich wäre z.B. „Sie sagen also, dass niemand etwas gegen die Meinung von Ancillae sagen darf.“ Mit ein bisschen Fingerspitzengefühl kriegst Du dies Deinem Gegenüber so untergeschoben, dass er dies bestätigt, und schon kannst Du in den Angriff übergehen.
 

Wie schützt Du Dich vor der Erweiterung?

Natürlich kannst Du auch das Ziel eines solchen Kunstgriffes werden. Schopenhauer liefert zum Glück gleich eine passende Möglichkeit, sich gegen diesen gemeinen Trick zu wehren: Die genaue Beschreibung des eigentlichen Streitpunktes. Das bedeutet, dass Du Deine Aussagen so präzise wie möglich formulierst, um eine möglichst kleine Angriffsfläche zu bieten. Im oben genannten Beispiel wäre eine Erwiderung auf die Erweiterung durch Deinen Gegner z.B. „Nein, ich sage nur, dass Herr X für sein ungebührliches Betragen bestraft werden sollte.“
 

Beispiele von Schopenhauer

Schopenhauer selbst führt zu diesem Kunstgriff drei Beispiele an, die etwas altbacksch wirken. Eines davon ist aber schön ausgeführt: Lamarck (1744 – 1829, Botaniker und Zoologe) spricht in seinen Schriften den Polypen sämtliche Empfindungen ab, da sie keine Nerven haben. Allerdings ist bekannt, dass sie irgendwie auf Reize reagieren, also nahm man an, dass sie Nervenmasse im ganzen Körper hätten. Weil dies Lamarcks Aussage umstößt verallgemeinert er: Wenn Polypen eine Nervenmasse im ganzen Körper hätten, müsste jeder Körperteile zu sämtlichen Empfindungen möglich sein, sprich der Polyp müsste mit dem ganzen Körper denken können, sprich jede Zelle des Polypen wäre selbst ein vollkommenes Tier, wodurch der Polyp höher stehen würde als der Mensch. Da man dies aber nicht behaupten kann, müsse die These der im Körper verteilten Nervenmasse falsch sein.

Schopenhauer fügt übrigens hinzu, dass man davon ausgehen kann, dass jemand sich durchaus bewusst ist, falsch zu liegen, wenn er solche Argumente braucht, um seinen Standpunkt zu verteidigen.

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