Kein Vampir will seine Menschlichkeit verlieren

Der Kampf um (oder gegen) die eigene Menschlichkeit ist ein Kernelement des Vampire Live. Bekannt ist die Tabelle, in der aufgeschlüsselt ist, welche schlimmen Taten bei wieviel Menschlichkeit erlaubt sind, und wieviele Beast Traits es mit wieviel (oder wenig) Menschlichkeit gibt. Diese Tabelle gibt es nicht mehr bei uns im Spiel, auch wenn die Menschlichkeit an sich, also das, was den Kainiten als Sterblichen ausgezeichnet hat, seine Moralvorstellungen, sein eigener Verhaltenskodex, nach wie vor natürlich existiert.

Im Spiel wird Dir eine große Bandbreite unterschiedlich (un)menschlicher Charaktere begegnen: Vom frischgeschaffenen, noch sehr menschlichen Kainiten bis hin zum kaltherzigen sadistischem Monster ist alles in den verschiedensten Ausprägungen dabei.

Wenig Menschlichkeit bedeutet viele Probleme

Aber warum will ein Kainit seine Menschlichkeit nicht verlieren? Sie ist immerhin der Quell von Gewissensbissen und moralischen Taten, die ihm schnell als Schwäche ausgelegt werden. Allerdings ist die Menschlichkeit auch das, was seine innere Bestie im Zaum hält und ihn überleben lässt. Alle Menschlichkeit fahren zu lassen und sich der Bestie hinzugeben führt schneller zum eigenen Untergang, als einem lieb ist: Ein Ausraster im Elysium, weil man sich nicht unter Kontrolle hatte, und die Existenz ist beendet. Oder aber ein pervertiertes Spiel oder grausamer Winkelzug zu viel, und man kann zwar einen anderen Kainiten untergehen lassen, ruft aber mächtigere Kainiten auf den Plan, die sich dafür rächen. Eine unkontrollierte oder übermächtige Bestie lässt einen Kainiten schlichtweg Dinge tun, die ihn früher oder später vernichten werden, denn sie gibt sich nicht mit Mittelmäßigkeit zufrieden, sondern verlangt Extreme.

Der Verlust von Menschlichkeit ist also per se nichts, was ein Kainit (dauerhaft) anstrebt. Sicherlich gibt es einige Kainiten, die versuchen härter zu werden, um sich besser in der kainitischen Gesellschaft bewegen zu können. Aber jeder junge und mittelalte Kainit hat zugleich stets die uralten Monster als Mahnung vor Augen, bei denen immer wieder der Wahnsinn und das Böse der Bestie durchschimmern.

Wenig Menschlichkeit = viel Affekt

Ein wichtiger Aspekt, den ein Darsteller nie vergessen darf, auch wenn sein Charakter dies vielleicht nicht wahrhaben will, ist, dass ein sehr unmenschlicher Kainit nicht nur unnahbar und grausam, sondern insbesondere eine tickende Zeitbombe ist.
Sicherlich, ein Kainit, der seine Menschlichkeit verliert, lässt sich nicht mehr so leicht oder kaum noch von den persönlichen Problemen anderer berühren – Dein Lieblingsghul wurde umgebracht? Wie tragisch. Der Prinz hat Dich öffentlich zusammengestaucht und Dir Dein Amt entzogen? Du armes Würstchen. Dein langjähriger Partner hat Dich plötzlich fallen lassen und arbeitet jetzt gegen Dich? Tja, Pech gehabt.
Auf der anderen Seite lauert die Bestie eines so unmenschlichen Kainiten viel näher an der Oberfläche und blitzt häufiger und leichter durch als bei einem noch sehr menschlichen Kainiten, da der unmenschliche Kainit kaum noch etwas von seinen menschlichen Moralvorstellungen hat, mit denen er sie im Zaum halten kann. Ohne moralischen Kompass verliert ein Kainit sich in den Perversionen der Bestie, und das wird früher oder später Widerstand gegen seine Taten schüren. Und die Bestie ist, wie hier aufgeführt, von ihren Trieben gesteuert und impulsiv. Jede kleine Provokation, jede Beleidigung, jeder Auslöser für einen Trieb (z.B. blutende Wunden oder Ahnenblut) reizen die Bestie. Mal mehr, mal weniger, aber kein Vampir wird von allem kaltgelassen. Und wenn keine Reize von außen kommen? Nun, die Bestie ist nicht dafür bekannt, Langeweile zu genießen.

Nicht zu vergessen sind es die menschlichen Werte, die Menschlichkeit, eines Charakters, die es ihm ermöglichen, noch als Mensch durchzugehen und sich unauffällig – maskeradetauglich – unter Menschen bewegen zu können.
Lauert die Bestie mehr oder weniger kontrolliert unter einer nur noch papierdünnen Trennschicht der vergehenden Menschlichkeit, merken Menschen, dass mit ihrem Gegenüber „irgendetwas“ nicht stimmt. Vielleicht kommen sie nicht sofort auf die Idee „Vampir“, aber „geisteskranker Irrer“, „Amokläufer“, „Terrorist“ oder „Serienkiller“ sind auch keine Assoziationen, die ein Vampir in Menschen erwecken wollen sollte, die ihm auf der Straße begegnen.

Und nicht zuletzt: wer sich seiner Bestie hingibt und seine Menschlichkeit aufgibt, gibt sein Selbst auf, seine Persönlichkeit, dass was den Verstand des Kainiten definiert. Zurück bleibt nur die rasende Bestie, die eigene Persönlichkeit ist vergangen noch ehe der Körper sein Ende findet.

Es kann ein sehr spannender Bestandteil des Vampire Live sein, wenn der eigene Charakter erst bewusst versucht, einen Teil seiner Menschlichkeit abzulegen, um in der rauen kainitischen Welt besser zu überstehen, und er vollkommen überzeugt ist, das alles im Griff zu haben. Nur der Spieler dahinter muss sich immer bewusst sein, dass sein Charakter sich etwas vormacht. Die Bestie ist eben nichts, was wirklich und dauerhaft kontrolliert werden kann.

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