Wie nötig ist ein Charaktertod?

Der Charaktertod ist im Rollenspielbereich und dadurch natürlich auch im Vampire Live eines der Themen, die immer wieder leidenschaftlich diskutiert werden, ohne dass eine endgültige Lösung gefunden wird, die alle zufrieden stellt.

Auf der einen Seite gehört zu einer realistisch dargestellten Welt, die sich glaubhaft anfühlen soll, nun einmal auch der (mögliche) Charaktertod, auf der anderen Seite betreiben viele Leute Rollenspiel, weil sie Spaß mit ihrem Charakter haben und nicht wenige verlieren den Spaß am Spiel, wenn ihr Charakter stirbt.
Eine absolut richtige Lösung, die allgemein gültig ist, gibt es dabei nicht, aber verschiedene Perspektiven, über die man sich durchaus einmal Gedanken machen sollte.

Es geht in diesem Artikel nicht den Charaktertod, der in Absprache mit dem Darsteller des sterbenden Charakters stattfindet, oder weil der betroffene Charakter offen und bewusst eine Tradition gebrochen hat und dafür vernichtet wird, sondern um solche, die eben unvorhersehbar für das Opfer sind.

Pro Charaktertod

Charaktertod = mehr Realismus
Was für Charaktertode spricht, ist der oben schon aufgeführte Spielrealismus. Wenn man nicht gerade einen definitiv unsterblichen Charakter spielt, ist ein endgültiges Ableben der Figur zumindest möglich, (beinahe) egal wie unwahrscheinlich es auch sein mag. Ein sterblicher Charakter ist sich sehr wahrscheinlich bewusst, dass seine Handlungen oder Ereignisse in seiner Umwelt zu seinem Tod führen können. Dieses Bewusstsein ist schwierig darzustellen oder zu fühlen, wenn man gleichzeitig im Hinterkopf weiß, dass dem eigenen Charakter schon nichts passieren wird. Ohne die Möglichkeit, dass der eigene Charakter stirbt, geht ein gewisses Maß an Spielrealität verloren.

Der mögliche Charaktertod bewahrt Grenzen
Damit einher geht, dass die Möglichkeit, dass Charaktere sterben können, verhindert, dass Charaktere vollkommen über die Stränge schlagen, da ihnen schon nichts passieren wird. Wer weiß, dass er ggf. hingerichtet werden kann, wird seinem Prinzen eher nicht oder zumindest deutlich vorsichtiger auf der Nase herumtanzen. Traditionsbrüche oder Mordanschläge auf Ältere (Ahnen und Fürsten) sind nun einmal keine Kleinigkeit, und jeder, der damit liebäugelt, sollte auch immer die Möglichkeit der eigenen Vernichtung im Hinterkopf haben. Auch wenn Vampire Live kein Kaffekränzchen ist, sollte man sich gewisser Grenzen im Spiel bewusst sein.

Schöner sterben
Sterbeszenen können auch schön sein. Auch, wenn sie (zumindest für das Opfer, meist auch für einige Zuschauer) nicht vorhersehbar sind, können Todesszenen von Charakteren bei allen Darstellern zu sehr intensiven Spielmomenten führen. Auch die „Nachwehen“ eines Charaktertodes können viel Spiel mit sich bringen, z.B. in Form von Rache der Hinterbliebenen o.ä.
Eine schöne Sterbeszene setzt natürlich eine entsprechende Umsetzung voraus; z.B. in Form einer öffentlichen Hinrichtung oder der Chance für das Opfer, noch einmal (vergeblich) um Gnade zu betteln – eben alles was Spiel gerade auch für das Opfer erzeugt.

Contra Charaktertod

Den Charakter spielen, nicht sterben
Die allermeisten Rollenspieler betreiben dieses Hobby, um ihren Charakter und seinen Werdegang zu spielen, nicht um seine Vernichtung zu erleben. Sie wollen mit ihm lachen, weinen, wütend sein, Probleme und Herausforderungen bestehen und das Scheitern durchmachen. Selbst, wenn der Charaktertod am Ende des Werdegangs in Kauf genommen wird, wollen viele Spieler von selbst an den Punkt kommen, in dem die Existenz des Charakters nur noch im unausweichlichen endgültigen Tod gipfeln kann.
In einem Charakter stecken viel Herzblut und Gedanken (und mitunter Geld), und kaum einer freut sich, wenn ihm dies weggenommen wird. Diese Einstellung ist nicht richtiger oder falscher als der Ansatz, ein möglichst realistisches Spiel inklusive Charaktertoden zu wollen; beide Ansätze stehen gleichberechtigt nebeneinander.
Die Erfahrung hat gezeigt, dass nur wenige Spieler, die unfreiwillig einen Charakter verloren haben, an dem sie wirklich hingen, später noch einmal so viel Spaß am Spiel hatten wie mit dem vernichteten Charakter. Wer wirklich damit plant, einen anderen Charakter zu vernichten, sollte sich noch einmal deutlich bewusst machen, dass er einem anderen Darsteller mitunter den Spaß am Spiel nimmt.
Leider hat sich in der Vergangenheit auch immer wieder gezeigt, dass oft genau die Darsteller, die sich für Charaktertode im Spiel aussprechen, später die größten Probleme damit hatten, wenn sie auf einmal selbst das Opfer waren.

Es geht auch kreativer
Ein anderer Punkt, der leider immer wieder recht deutlich hervortritt, ist, dass das Umbringen eines anderen Charakters oft eine einfallslose Methode ist, Probleme des eigenen Charakters zu lösen. Nur um zu zeigen, dass man es kann und die Macht dazu hat, ist einer der schlechtesten Gründe für eine Vernichtung. Es gibt im Spiel vielfältige Möglichkeiten, gegen andere Charaktere vorzugehen und diese leiden zu lassen: Von Entführungen, Folter, Erpressung, öffentlicher Demütigung bis hin zum hinterhältigen Rufmord ist alles möglich und bietet dabei in den allermeisten Fällen deutlich mehr Spiel, als ein bloßer Charaktertod es tun würde. Dieser Weg bedeutet natürlich mehr Arbeit, lohnt sich von spielerischer Seite her dafür aber auch oft umso mehr.
Eines darf man nämlich nicht vergessen: Ein Charaktertod bringt natürlich (meistens) viel Spiel mit sich – allerdings nur für die Charaktere, die überlebt haben. Der Darsteller des vernichteten Charakters hat wenig von den Dynamiken, die sich aus der Vernichtung ergeben, obwohl er der (Haupt)Leidtragende ist. Wer einen Charakter umbringt, um Spiel zu generieren, tut dies auf Kosten eines einzelnen Darstellers.

Mord ist verboten
Mord ist (auch in der Spielwelt des Vampire Live) verboten. Eine banale Regel, aber deshalb nicht unwichtig. Selbst in der grausamen Welt der Kainiten ist es verboten, ohne Erlaubnis eines Ahnen/ Fürsten einen anderen Kainiten zu vernichten, und dies aus gutem Grund: Wenn jeder Kainit loszöge und seine Gegner einfach umbrächte, würde die Kainiten sich schnell selbst ausrotten. Diese Tradition einzuhalten geht mit einem Selbsterhaltungstrieb einher, denn wenn man selbst unterstützt oder zumindest tatenlos billigt, dass Kainiten auch ohne Erlaubnis eines Ahnen/ Fürsten vernichtet werden können, erhöht man die Chance, selbst der nächste zu sein, der dran glauben muss. Wer einen Gegner einfach umbringt, schafft das Exempel, dass solch eine Handlung akzeptabel ist.

Fazit

Charaktertode sind ein Teil unserer Spielwelt beim Vampire Live. Allerdings sind sie glücklicherweise nicht so häufig, wie mancher glauben mag, und betreffen zumeist jene Kainiten, die öffentlich Traditionen oder Elysien brechen und damit ihr eigenes Ende unterzeichnen. Es ist absolut nicht üblich, jeden Gegner einfach um die Ecke zu bringen.
Wir verbieten keinem Spieler, andere Charaktere auf solch endgültige Weise aus dem Spiel zu ziehen, finden es allerdings immer schöner, wenn eine anspruchsvollere Lösung gefunden wird, die für alle mehr Spiel bringt als ein bloßer Charaktertod.

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