Der Satz „Show, don’t tell“ (dt. „Zeigen, nicht erzählen“) steht in diversen Schreibratgebern für Autoren. Er ist aber auch für das Liverollenspiel ziemlich nützlich.

Kurz gefasst bedeutet er, dass Du nicht sagen musst, wie Dein Charakter ist. Zeige es stattdessen durch sein Verhalten im Spiel.

 

Was bedeutet „Show, don’t tell”?

Dieser Satz sagt aus, dass ein Autor nicht bloß Behauptungen aufstellen soll. Stattdessen soll er dem Leser zeigen, wie etwas ist. Ein Beispiel:

„Tell“ wäre die Aussage „John war zu schüchtern, um seinen Schwarm Mary anzusprechen.“

„Show“ wäre die Beschreibung „John Herz hämmerte. Schweißperlen traten auf seine Stirn, kaum dass sie – sie!  – durch die Tür trat. Das Herz schlug ihm bis zur Brust, als er mit zittrigen Knien aufstand. Beinahe stieß er dabei sein Glas um. Der letzte Rest seiner Selbstbeherrschung zerplatzte, als sie ihn sah und ihm zuwinkte. Mehr als einen fiepsenden Laut bekam er nicht mehr über die Lippen.“

Ich weiß, dafür kriege ich keinen Pulitzer-Preis. Aber das Prinzip ist deutlich geworden, oder?

 

„Show, don’t tell“ im Vampire Live

Und was hat das nun mit Vampire Live zu tun? Eine ganze Menge. Schließlich versucht jeder Darsteller seinen Mitspielern (und sich selbst) ein möglichst realistisches Gefühl seines Charakters zu geben. Man ist nicht mehr Max Mustermann, auf dessen Charakterbogen „Ernst, Brujah Neugeborener, leicht reizbar“ steht und der einmal im Monat auf einem Domänentreffen sitzt. Die Mitspieler sollen das Gefühl haben, dass sie wirklich vor Ernst, dem Brujah stehen, der sie ungespitzt in den Boden rammt, wenn sie ihn nerven.

 

Der äußere Eindruck

Mit dem Äußeren Deines Charakters vermittelst Du allen anderen einen ersten Eindruck von Deinem Charakter. Dazu gehört die passende Kleidung, das richtige Make-Up und ggf. eine Perücke oder Kontaktlinsen. Aber auch die Körperhaltung spielt hier eine Rolle.

Überlege Dir, wie Dein Charakter sich anziehen würde. Wie bewegt er sich, wie steht und sitzt er? Kümmert er sich um sein Äußeres, oder ist im sein Aussehen egal?

 

Wer ist Dein Charakter?

Du merkst es schon: Du musst wissen, wer Dein Charakter überhaupt ist. Ist er blutrünstig und aufbrausend oder kalt und grausam? Foltert er zu seinem Vergnügen Schwächere, oder springt er hilflosen Opfern von Gewalt zur Seite?

Egal, wie Dein Charakter tickt, es wird sich im Spiel äußern. Die meisten Menschen merken, wenn hier Behauptungen nicht mit dem tatsächlichen Verhalten übereinstimmen. Das heißt nicht, dass man nicht Andeutungen zu sich selbst machen darf. Diese sind aber umso wirkungsvoller, wenn Dein Charakter sie direkt im Spiel beweist.

 

Show, don’t tell: Sei Dein Charakter!

Wer von sich sagt, sich nicht um das Leid anderer zu kümmern, sollte auch im Spiel grausam sein. Lass zum Beispiel Deine schlechte Laune an schwächeren Charakteren aus. Stelle sie bloß, setze Gewalt gegen sie ein, mache sie lächerlich. Du hast unendlich viele Möglichkeiten im Spiel zu zeigen, wie gemein Dein Charakter tatsächlich ist.

Oder anders gesagt: Es ist leicht zu erzählen, wie grausam man zuhause ist, wenn es niemand mitbekommt. Wirklich glauben werden andere es erst, wenn sie es erleben.

 

Es gibt zahllose Beispiele. Die würden hier den Rahmen sprengen, deshalb beschränken wir uns auf drei:

 

Kaltherzig ist nicht desinteressiert

Insbesondere (aber nicht nur) ältere Charaktere neigen zu Kaltherzigkeit und Grausamkeit. Das bedeutet aber nicht, dass sie nichts mehr berührt. Kaltherzigkeit heißt nicht, dass Du eine Teflon-Bratpfanne bist, an der alles abgleitet.

Finde Wege, auf Spielimpulse zu reagieren und sie zu erschaffen: Stacheln einen Streit an, weil er Dich amüsiert. Verletze andere Charaktere. Zerstöre, was ihnen wichtig ist, weil Du sie leiden sehen willst. Lasse Deine schlechte Laune an ihnen aus, wenn sie es wagen Dich zu langweilen.

Wenn Du unsicher bist oder Inspiration suchst, helfen wir Dir gerne. Schließlich soll Dein grausamer Charakter Dich nicht langweilen, sondern Spaß machen.

 

Alt wirken für Fortgeschrittene

Ein anderes Beispiel für „Show, don’t tell“: Du willst im Spiel als älter wahrgenommen werden. Entweder, weil Dein Charakter alt ist, oder weil er gerne möchte, dass andere ihn für alt halten. Statt in jedem zweiten Satz „Damals, vor 200 Jahren…“ zu verwenden, passe Dein Verhalten an.

Das heißt zum einen, dass Du Dich ein wenig mit Geschichte beschäftigen musst. Du musst kein wandelndes Lexikon sein, keine Sorge. Aber eine grundlegende Ahnung solltest Du haben. Noch wichtiger ist, wie die Zeit Deinen Charakter geformt hat. Welche Moralvorstellungen prägten die Gesellschaft damals, was beschäftigte die Menschen, wie haben sie die Welt um sich herum wahrgenommen?

Die kainitische Existenz mag diese Ansichten verzerren und pervertieren. Dennoch bleibt diese Grundprägung bestehen. Ein Kainit, der vor dem ersten Weltkrieg geschaffen wurde, wird eine komplett andere Sicht auf die Welt haben als ein Kainit, der hundert Jahre später zum Vampir wurde. Selbst ein Charakter, der sich bewusst von den Vorstellungen seiner Zeit löst, wird von diesen geprägt.

 

Rebellen sind rebellisch!

Nicht nur alt und grausam wirken kann anstrengend sein. Auch Rebellen gegen das Establishment haben viel zu tun. Denn einfach nur laut „Dagegen! Dagegen!“ brüllen ist nicht das Gelbe vom Ei.

Du musst nicht gleich Marxx gelesen haben (darfst Du aber). Aber Du solltest ein Gefühl davon haben, was Dein Charakter will. Will er Demokratie? Will er gegen die Ahnen vorgehen? Will er über andere bestimmen können? Will er, dass nur gut erzogene Kainiten sich an der Gesellschaft beteiligen dürfen? (Und was ist gut erzogen?) Je genauer Du die Ziele Deines Charakters kennst, desto überzeugender kannst Du ihn spielen.

Und dann geh aufs Spiel und suche aktiv nach Ansätzen, dein Ideal umzusetzen.

 

Womit fühlst Du Dich wohl?

Vampire Live ist perfekt, um sich selbst auszuprobieren. Hier darfst Du hinterhältig sein, brüllen, intrigieren.

Damit Du wirklich Spaß daran hast, muss Dein Charakter aber auch zu Dir passen. Keine Sorge: Vielleicht hast Du das Gefühl, jetzt noch nicht den Vampir darstellen zu können, den Du gerne spielen würdest. Vielleicht weil du furchtbares Lampenfieber hast. Oder weil es tatsächlich nicht einfach ist, grausam zu sein.

Lass Dich davon nicht verunsichern. Dein Charakter darf und wird sich entwickeln. Wenn Du ins Spiel einsteigst, spielst Du ja nicht schon das Endergebnis Deiner Charakterentwicklung. Du spielst Deinen Charakter am Anfang seines Weges. Du als Spieler hast eine Ahnung davon, wohin die Reise gehen soll. Aber das Ziel musst Du noch nicht erreicht haben. Du kannst es noch nicht erreicht haben, denn das Spiel liegt ja noch vor Dir.

Fordere Dich ruhig heraus. Probiere, was Dir gefällt und was zu Deinem Charakter passt. Und ehe Du Dich versiehst, fühlst Du Dich immer wohler in Deiner Rolle.

Show, don’t tell!

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