Show, don't tell!

Der Satz „Show, don’t tell“ (dt. „Zeigen, nicht erzählen“) stammt aus diversen Schreibratgebern für Autoren. Er sagt aus, dass ein Autor nicht vom Standpunkt des Erzählers bloß Behauptungen aufzustellen. Stattdessen soll er dem Leser mithilfe von Handlungen und Dialogen der Charaktere etwas zeigen.

Einfach nur zu schreiben, dass der Protagonist John zu schüchtern ist, um seinen Schwarm Maria anzusprechen, wäre ein „tell“. Eine Behauptung, die eigentlich sehr nichtssagend ist. „Show“ wäre zu beschreiben, wie John sich in ihrer Nähe herumdrückt, sein Herz rast und er stottert, wenn sie ihn anspricht.

Von dem Ratschlag „Show, don’t tell“ können auch Rollenspieler im Vampire Live sehr profitieren.

Autorentipps im Rollenspiel?

Aber was hat Rücher schreiben nun mit Vampire Live zu tun? Eine ganze Menge. Schließlich versucht jeder Darsteller seinen Mitspielern (und sich selbst) ein möglichst realistisches Gefühl seines Charakters zu geben. Man ist nicht mehr Max Mustermann, auf dessen Charakterbogen „Ernst, Brujah Neugeborener, leicht reizbar“ steht und der einmal im Monat auf einem Domänentreffen sitzt. Die Mitspieler sollen das Gefühl haben, dass sie wirklich vor Ernst, dem Brujah stehen, der sie ungespitzt in den Boden rammt, wenn sie ihn provozieren.

Dies bedeutet nicht nur, dass man sich eine passende Klamotte und ggf. das richtige MakeUp für den Charakter zurechtlegt. Es heißt auch, dass man sich wirklich Gedanken darüber macht, wie man den Charakter darstellt, den man spielen möchte. Dein Charakter ist sehr alt? Oder hat er bereits sehr viel Menschlichkeit verloren und genießt Grausamkeiten an anderen? Dann behaupte dies nicht nur im Spiel, sondern zeige es.

Es wirkt im Spiel nicht überzeugend, wenn ein Charakter sich wie ein Jugendlicher Mensch benimmt, aber gleichzeitig immer von „damals, vor 300 Jahren“ spricht. Und wer fürchtet einen Charakter, der zwar regelmäßig erzählt, wie wenig ihn ein Menschenleben kümmert und der quasi regelmäßig aus Spaß an der Freud Menschen foltert und tötet, aber auf den Treffen bloß nett plaudert und höchstens ein bisschen über Charaktere stichelt, die nicht da sind? Wer mit seinem Alter oder seiner Grausamkeit kokettiert, aber diese nicht darstellt, wird sehr schnell nicht mehr ernst genommen.

Wie setzt man „Show, don’t tell“ um?

Am Wichtigsten ist, dass Du weißt, wie sich Dein Charakter anfühlt. Er muss mehr sein als eine Ansammlung von Daten und Charakterwerten. Er hat Gefühle, Sehnsüchte, Ängste, Wut. Damit Du dies spüren und leben kannst, ist das Einstimmen vor dem Spiel so wichtig.

Wenn Du einen alten Charakter spielen willst, dann beschäftige Dich mit der Zeit, aus der Dein Charakter kommt. Welche Moralvorstellungen prägten die Gesellschaft damals, was beschäftigte die Menschen, wie haben sie die Welt um sich herum wahrgenommen? Auch, wenn die kainitische Existenz diese Ansichten verzerren und pervertieren mag, bleibt diese Grundprägung doch bestehen. Ein Kainit, der vor dem ersten Weltkrieg geschaffen wurde, wird eine komplett andere Sicht auf die Welt haben als ein Kainit, der nach der Jahrtausendwende zum Vampir wurde.

Wenn Du geschichtliche Ereignisse erwähnst, paare sie mit persönlichen Eindrücken. Statt „Nach dem Krieg litt die Bevölkerung ja Hunger.“ zum Beispiel „Wir haben uns nachts auf die Kartoffeläcker geschlichen, um Kartoffeln zu klauen, damit wir nicht verhungern.“

Wie wirkt sich die Geschichte aus?

Überlege Dir, wie Dein Charakter zu bestimmten Ereignissen seiner Vergangenheit steht:
Musste er als Mensch Hunger leiden? Wie steht er dann jetzt zu Verschwendung und Völlerei? Geht er darin auf, oder verabscheut er es?
Wurde er katholisch oder protestantisch erzogen? Wie gläubig ist er heute? Wie reagiert er auf Ketzerei? Und was ist für ihn überhaupt Ketzerei?
Wie sieht sein Frauenbild aus? Kann er sich weiblichen Charakteren unterordnen?

Sei eine Bestie

Wenn Du einen Charakter spielen willst, der schon viel von seiner menschlichen Moral verloren hat, zeige diese Kaltherzigkeit im Spiel. Nicht durch unnahbare Teflon-Coolness, sondern durch Grausamkeit. Lasse nicht nur durchblitzen, wie wenig Dich das Leid anderer kümmert, sondern sei aktiv. Suche Dir Schwächere, die Du quälen kannst. Wenn jemand leidet vergrößere sein Leid (ob offen oder hinter seinem Rücken). Es spricht nichts dagegen, wenn Du Dir Gedanken machst, was Dein Charakter zwischen den Spielen für Grausamkeiten begeht, und hier und da mal eine Andeutung fallen zu lassen. Aber auch hier gilt: Zeige durch Dein gesamtes Verhalten, wie grausam der Charakter ist, so dass die Erzählungen über seine Taten dann als Bestätigung dafür wahrgenommen werden.
 
 

Dies bedeutet natürlich nicht, dass man im Vampire Live nicht bewusst einen Poser als Charakter spielen kann, der zwar viel behauptet, aber sich eigentlich doch nicht traut. Es heißt aber, dass man sich selbst realistisch einschätzen muss, wenn man entscheidet, was für einen Charakter man spielen will. Wer große Schwierigkeiten hat, im Spiel grausam zu sein, sollte vielleicht nicht mit einem kaltherzigen und sadistischen Charakter beginnen, sondern die Entwicklung zu diesem Punkt im Spiel erleben und dabei lernen.

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